Anabolika und dessen Folgen

Die meisten Athleten scheinen von den Nebenwirkungen anaboler Steroide weitgehend verschont zu bleiben. Auch wenn hohe Dosierungen über einen längeren Zeitraum zugeführt werden, zeigt die klinische Praxis, dass kurzfristige Nebenwirkungen fast immer reversibel sind.

Selbst einige der ernsten Nebenwirkungen, wie Beeinträchtigungen der Leber und Erhöhungen des Serumcholesterins, können durch regelmäßige Untersuchungen, eine Änderung der Lebensgewohnheiten und, wenn nötig, Medikamente minimiert werden. Das Ausbleiben signifikanter Nebenwirkungen bei längerer Verwendung niedriger bis moderater Mengen von Testosteron und einigen anabolen Steroiden wurde in einer Reihe klinischer Studien zur Nutzung anaboler Steroide als Kontrazeptiva für Männer ermittelt.

Ein Großteil dieser Forschungsarbeit wurde und wird von der World Health Organization und unabhängigen Forschern bewältigt; dabei wurden Kombinationen von Testosteron, anabolen Steroiden (besonders 19-Nortestosteron),1’2 Medroxyprogesteronacetat und

Methyltestosteron,3 sowie Agonistena und Antagonistenb des Gonadotropin-freisetzenden Hormons (Gonadoliberin, GnRH) untersucht. Einige dieser Hormonkombinationen verringerten signifikant die Spermienzahl männlicher Probanden, ohne dass ernste kurz- oder langfristige Nebenwirkungen auftraten (zumindest nicht während die Untersuchungen andauerten). Bei diesen Studien stellte sich die normale Spermienproduktion kurz nach dem Absetzen der verschiedenen Verbindungen wieder ein.

Bei Personen, die empfindlich auf solche Hormonpräparate reagieren, und jenen Leuten, die hohe Dosen über längere Zeit verwenden, können anabole Steroide allerdings zu ernsthaften kurz- oder langfristigen Nebenwirkungen führen: Folgerichtig ist beinahe jedem bewusst, welche Leberprobleme bis hin zu Krebserkrankungen durch anabole Steroide ausgelöst werden können.

Potentiell gefährliche Nebenwirkungen für das Herz-Kreislauf-System entstehen durch unbehandelte Veränderungen des Serum-cholesterinspiegels. Herzerkrankungen bis hin zum Herzinfarkt sind bereits vereinzelt bei Sportlern aufgetreten, die anabole Steroide einnehmen. Welche Rolle anabole Steroide dabei gespielt haben, ist jedoch umstritten. Um die volle Tragweite der Komplikationen eines langfristigen Steroidgebrauchs zu erfassen, brauchen wir exaktere und kontrollierte Langzeitstudien. Bis dahin bleiben uns nur wenige Fakten, aber viele Vermutungen. In diesem Blog habe ich durch Erörterung und Analyse der derzeit verfügbaren Informationen aus Wissenschaft und Sport versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen und die Ergebnisse durch eigene Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu vervollständigen.


Die Nebenwirkungen anaboler Steroide lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die eine umfasst alle Effekte, die ein »Entgleisen« der erwarteten pharmakologischen Wirkung darstellen. Bei Männern wären in diesem Zusammenhang Gynäkomastie,a Flüssigkeitsretention b Akne, Veränderungen der Libido,` Oligospermie,d und gesteigerte Aggressivität zu nennen.

Bei Frauen treten im allgemeinen Amenorrhöe und andere Unregelmäßigkeiten bei der Menstruation auf. Desgleichen besteht die Möglichkeit vitalisierender Effekte durch den Gebrauch anaboler Steroide. Einige dieser Nebenwirkungen — dazu zählen eine Vertiefung der Stimme, Hirsutismus,g Haarausfall wie beim Mann, Verkleinerung der Brust und Vergrößerung der Klitoris — können teilweise durch Absetzen der anabolen Steroide oder, falls nötig, durch Anwendung von Androgep-Antagonisten wie Cyproteronacetat rückgängig gemacht werden.

Bei den meisten Männern gehen die hormonellen Parameter auf den Normalwert zurück, nachdem die anabolen Steroide abgesetzt werden. Eine Ausnahme bilden vielleicht jene Athleten, die große Mengen anaboler Steroide über ausgedehnte Zeiträume zugeführt haben. In einigen dieser Fälle kann der Serumspiegela des Testosterons infolge einer Hodenatrophieb und Störungen der Wechselbeziehungen zwischen Hypothalamus,‘ Hypophyse“ und Hoden (Hypothalamus-Hirnanhangdrüse-Hoden-Achse)e für Wochen und Monate verringert bleiben. Gelegentlich erreicht der Serumtestosteronspiegel seinen Normalwert nicht wieder, was eine Langzeittherapie mit exogenen Hormonen oder hormonfreisetzenden Stoffen erfordert.

Die andere Gruppe von Nebenwirkungen bilden jene Störungen, die auf den ersten Blick nicht durch die anabolen oder androgenen Eigenschaften anaboler Steroide hervorgerufen werden. Diese Nebenwirkungen führen zu mehr als nur kosmetischen Veränderungen und schließen Erhöhungen des Serumcholesterinspiegels, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Prostatakrebs, Fehlfunktionen der Nieren, Beeinträchtigungen des Kohlenhydratstoffwechsels, emotionale Störungen, erhöhte Anfälligkeit für Muskel- und Sehnenverletzungen, Atherosklerose und Fehlfunktionen der Leber (mit seltenen Fällen von Leberzirrhose),“ hepatozellulären Karzinomen und Peliosis hepatisd ein.

Die Nebenwirkungen der zweiten Gruppe stellen für den Athleten, der anabole Steroide einsetzt, eine ernste Bedrohung dar. Sie werden aber nicht nur von den Medien, sondern auch in der wissenschaftlichen Literatur teilweise falsch dargestellt. Nicht selten hat der Sensationsaspekt Vorrang vor objektiver Information. Wie eingangs schon erwähnt, benötigen wir besser kontrollierte Langzeit¬tudien, um die Risiken eines langfristigen Gebrauchs anaboler Steroide exakt bestimmen zu können.

Um einen Standpunkt zu den potentiell lebensgefährlichen Nebenwirkungen einnehmen zu können, ist ein Vergleich von anabolen Steroiden und oralen Kontrazeptiva (der »Pille«) eine große Hilfe. Besonders geeignet erscheint ein Vergleich der vor 1980 gewonnenen Daten, als noch höhere Hormondosierungen eingesetzt wurden. Im allgemeinen sind die Nebenwirkungen niedriger bis mittlerer Dosen anaboler Steroide denen vergleichbar, die Frauen bei Einnahme oraler Kontrazeptiva erfahren. Die Risiken dieser weltweit verwendeten und weithin akzeptierten Methode der Empfängnisverhütung werden in einem Bericht des kanadischen »Special Advisory Committee an Reproductive Physiology to the Health Protection Branch, Health and Welfare« über orale Kontrazeptiva (erschienen in Kanada 1985) herausgestellt. Die Aufzählung möglicher Nebenwirkungen deckt sich weitgehend mit denen des Gebrauchs anaboler Steroide. Unterschiede ergeben sich natürlich daraus, dass anabole Steroide überwiegend von Männern eingesetzt werden. Andererseits greift der Gebrauch anaboler Hormone auch unter Frauen in den Kraftsportarten wie Gewichtheben, Powerlifting, Bodybuilding und in den Leichtathletikdisziplinen immer mehr um sich.

Beim Studium der neueren Literatur wird deutlich, dass die Einnahme oraler Kontrazeptiva mit ähnlichen Nebeneffekten wie Lebererkrankungen, einschließlich Leberzelladenome und Leberkrebs, sowie einer Veränderung des Serumcholesterinspiegels verbunden ist. Kürzlich wurde sogar von Peliosis hepatis als möglicher Folge der Langzeitnutzung oraler Kontrazeptiva berichtet.? Diese Erkrankung tritt sonst vorwiegend bei Tuberkulosekranken und solchen Patienten auf, die mit androgenen Steroiden behandelt werden.

Die Nebenwirkungen anaboler Steroide können auch in vorüber-gehende und langfristige Effekte gegliedert werden. Während viele der vorübergehenden Nebenwirkungen heute gut verstanden werden (besonders jene, die in paradoxen Veränderungen der Geschlechtsmerkmale zutage treten — Virilisierung bei Frauen und umgekehrt die Ausbildung weiblicher Merkmale bei Männern), sind die Langzeitfolgen des Steroidgebrauchs schwerer zu erfassen. Einige Wissenschaftler nehmen an, dass eine längere Verwendung anaboler Steroide bei Personen mit entsprechender genetischer Veranlagung Leberzirrhose, Peliosis hepatis, primäre Hepatome, Atherosklerose, Herzerkrankungen, Diabetes und Prostatakrebs verursachen kann.

Es existiert jedoch kein klinischer oder experimenteller Nachweis, dass anabole Steroide bei gesunden Sportlern irgendeine Auswirkung auf die Lebensdauer haben oder dass ein längerer Gebrauch zu Erkrankungen der zuvor erwähnten Organe führt. In diesem Zusammenhang ist ein Umstand besonders interessant: obwohl seit über drei Jahrzehnten erhebliche Mengen anaboler Steroide von Athleten verwendet werden, sehen wir keine signifikanten Langzeitwirkungen bei Sportlern, die anabole Steroide in den Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahren eingesetzt haben.

Allerdings könnte der veränderte Gebrauch anaboler Steroide während der letzten zehn Jahre — gekennzeichnet von weiterer Verbreitung, höherer Dosierung und längerer Nutzung — in naher Zukunft schwerwiegendere Probleme enthüllen.

Im Augenblick laufen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen zu den Langzeitfolgen der Verwendung anaboler Steroide, die durchaus zu neuen Ergebnissen führen könnten. So sollten in einer 1987 angekündigten Studie Footballspieler und Powerlifter auf mögliche Langzeitfolgen aus dem Gebrauch anaboler Steroide in Wettkämpfen der Siebziger Jahre untersucht werden.8 Obwohl die Möglichkeit bleibender Schäden durch Steroidgebrauch gering sein mag, gibt es Wege, nicht nur das Auftreten, sondern auch die Gefährlichkeit potentieller Nebenwirkungen zu reduzieren.